Wer – wem – was? Kompetenz Valenz

Ein Klassiker: Übersetzungsaufgaben in der Klausur. Aber bei Online-Klausuren? Wenn Studierende auf Übersetzungsprogramme zugreifen können, wird die Aufgabe sinnlos. Was dann?
Dann ist das die Gelegenheit, Kompetenzen zu prüfen, die das Verständnis fremdsprachlicher Sätze überhaupt ermöglichen.

Hier zeige ich ein Beispiel für eine Aufgabe, die in einer kompetenzorientierten Prüfung vorkommen könnte. Die hier geprüfte Kompetenz ist der Umgang mit Valenz.

Valenz

Bei der Valenz geht es darum, wie viele Komplemente ein Verb hat, und welchen Kasus die tragen. Beispiel aus dem Deutschen:

  1. Ich berichte dir von dem Vorfall.
    berichten hat drei Komplemente: Sender (Nominativ), Empfänger (Dativ), Inhalt (von mit Dativ)
  2. Ich informiere dich über den Vorfall.
    informieren hat drei Komplemente: Sender (Nominativ), Empfänger (Akkusativ), Inhalt (über mit Akkusativ)

Woher weiß man denn, ob der Empfänger von „informieren“ mit Dativ oder Akkusativ formuliert werden muss? Hoffentlich aus einem Wörterbuch! Aber damit muss man erstmal umgehen lernen.

Die Klausuraufgabe

Dieses Semester war es so weit: Die Klausuren konnten nicht in Präsenz stattfinden. Im Kurs „Japanisch Textanalyse“ (3. Semester) hatten wir ohnehin mit Valenz und Satzstrukturen gearbeitet. Also konnte ich auch in der Klausur solche Aufgaben stellen.
Die Klausur war im Open-Book-Format, d.h. alle Hilfsmittel waren erlaubt, und die Studierenden hatten obendrei 48 Stunden Zeit, die Klausur zu bearbeiten.

Eine Valenzaufgabe wie in der Klausur könnte ungefähr so aussehen. Als Input gibt es einen Eintrag aus einem Valenzlexikon – die Bibliothek ist leider derzeit nicht zugänglich.
Der Eintrag ist natürlich eigentlich auf Japanisch, aber ich zeige ihn hier übersetzt und mit Vokabeln an.

yasumu
Bedeutung 1: Das, was man bis dahin getan hat, eine Weile aussetzen, um die körperliche oder geistige Erschöpfung loszuwerden.
Satzmuster: [Mensch, Lebewesen]=ga ([Ort]=de) yasumu
Beispiele: Uma=ga kokage=de yasumu
=ga [Nominativ]
=de [Ortsangabe]
uma ‚Pferd‘
kokage ‚Baumschatten‘
‚Die Pferde ruhen im Baumschatten aus.
Bedeutung 2: Aktivität eine Weile unterbrechen oder nicht mehr zu dem Ort gehen, zu dem man regelmäßig ging.
Satzmuster a: [Maschine]=ga yasumu
Beispiele: Kono koozyoo=no hañbuñ=no kikai=ga yasuñde iru
=ga [Nominativ]
kono koozyoo ‚diese Fabrik‘
=no [Genitiv]
hanbun ‚Hälfte‘
kikai ‚Maschine(n)‘
yasuñde iru [Verlaufsform von yasumu]
‚Die Hälfte der Maschinen dieser Fabrik steht still‘
Satzmuster b: [Mensch, Organisation]=ga [Aktivität, Organisation]=o yasumu
Beispiele: Kinoo zyugyoo=o yasuñda
=ga [Nominativ]
=o [Akkusativ]
kinoo ‚gestern‘
zyugyoo ‚Training‘
yasuñda [Perfekt von yasumu]
‚Gestern habe [ich] im Training gefehlt
Bedeutung 3: schlafen (gehen).
Satzmuster: [Mensch]=ga yasumu
Beispiele: Maibañ zyuuzi=ni yasumu
=ga [Nominativ]
maibañ ‚jeden Abend‘
zyuuzi=ni ‚um zehn Uhr‘
‚Jeden Abend gehe [ich] um zehn zu Bett.‘

Aufgabe: Welche Partikel muss hier eingesetzt werden. (Und warum?)

Atama=ga itakatta=no=de, daigaku ____ yasuñda.
(Kopf NOM schmerzte WEIL, Uni gefehlt.)
Weil mir der Kopf weh tat, bin ich nicht zur Uni gegangen.

(In der Klausur auch das natürlich in japanischer Schrift, ohne Glossierung und ohne Übersetzung.)

Lösung: =o (Akkusativ)
Begründung: Es geht hier darum, eine Weile nicht zu dem Ort zu gehen, zu dem man sonst regelmäßig geht. Das ist Bedeutung 2. Satzmuster b zeigt, dass die Aktivität, mit der man pausiert, mit Akkusativ markiert wird.

Hier wird davon ausgegangen, dass die Satzbedeutung für die Studierenden schon verständlich ist. Sie müssen dann feststellen, welches Satzmuster passt, um die richtige Partikel zu finden.

Daran gefällt mir, dass das sehr lebensnah ist. Im Deutschen würde man sagen, man habe „in der Uni“ gefehlt. Im Japanischen wird aber kein lokativer Ausdruck, sondern Akkusativ gebraucht. Das sollte man mit der Vokabel zusammen lernen, aber wenn das Wort unbekannt ist (oder man es vergessen hat), hilft ein (Valenz-)Wörterbuch. Dort nachschlagen zu können ist eine wichtige (und keineswegs triviale) Kompetenz.

Andere Aufgabenformate:

Komplexe Sätze geben und das Satzmuster bestimmen lassen.

Dazu müssen Studierende auf die im Satz vorkommenden Partikeln achten und über die semantische Rolle des Nomens nachdenken. Auch eine wichtige Kompetenz – wenn sie fehlt, kommt es oft zu Falschübersetzungen.

Fazit

Neben dieser gab es weitere Aufgaben, bei denen sich die Studierenden mit der Satzstruktur befassen mussten. Ich vermute, dass sie spätestens während der Klausur allerhand gelernt haben.

Die Klausur ist verdächtig gut ausgefallen: Fast 70% mit „sehr gut“! (Es gab aber auch ein paar, die nicht bestanden haben.)
Vielleicht hat es einfach genützt, mit Blick auf die Klausuraufgaben noch einmal alle Unterlagen zu studieren, um den richtigen Ansatz zu finden. Dann hätten sie viel dabei gelernt.
Und wenn es Teamwork gab, dann wären dafür zwei Szenarien denkbar. Entweder: „Kannst du mir mal erklären, wie man an die Aufgabe rangeht?“ Davon hätten wahrscheinlich Fragende wie Erklärende etwas gelernt. Oder: „Sag mir mal, was ich da hinschreiben muss.“ Dann brächte die Klausur weder einen Lerneffekt noch hätten die Ergebnisse Aussagekraft.

Etwas schade fand ich, dass der Fokus bei dieser Klausur vor allem auf der Analyse lag. Es gibt ja auch andere Faktoren für das Leseverstehen – etwa umfangreiche Leseerfahrungen, wie sie sich zum Beispiel mit Extensive Reading erwerben lassen. Jemand ne Idee, wie sich so etwas prüfen ließe?

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