Bis ihr’s könnt — Mastery Learning

Alternative zur Notengebung

Notengebung wird in letzter Zeit wieder verstärkt diskutiert. Was bringt es, jemandem am Ende einer Lernphase zu sagen: „Du hast das wunderbar/mittelmäßig/nicht gut gekonnt“? Freude oder Enttäuschung – und weiter passiert nicht viel.

Als Alternativen sind z.B. ausführliches Feedback oder formative Tests im Gespräch.[1]Und viele weitere, siehe Institut für zeitgemäße Prüfungskultur Hier eine weitere Idee:

Ich würde lieber den Studierenden die Chance geben, sich zu verbessern. Und es gibt bestimmte Teilkompetenzen, die vermutlich alle meistern können. Ein paar Beispiele aus der Schule, etwa aus der Mathematik: Dreisatz – wenn du den begriffen hast und das an einem Beispiel zeigst, bekommst du das Häkchen. Oder in Latein einen A.c.i. erkennen.
In meiner Veranstaltung (Japanisch im zweiten Studienjahr) ging es darum, Satzbäume zu zeichnen, also Satzstrukturen graphisch darzustellen. Wer das nicht gleich hinbekommt, kann es später noch einmal versuchen, so lange, bis es klappt.

Wenn man das weiterdenkt, kann daraus ein selbstgesteuerter Lernprozess werden: jeder und jede erfüllt die Anforderungen im eigenen Tempo, vielleicht auch auf eigenen Wegen und kann sich immer wieder Feedback holen.

Für Salman Khan, den Gründer der Khan-Akademie, ist das die große Vision[2]Khan, Salman (2013): The One World Schoolhouse.. Gegen den Gleichschritt aller Lernenden argumentiert er so: Man baue ja auch ein Haus nicht auf ein halbfertiges Fundament. Jede*r einzelne soll jeden Schritt zu 100% gemeistert haben und erst dann zum nächsten weitergehen. Er nennt das ‚Mastery Learning'[3]Khan, Salman: „Why Mastery Learning“ https://support.khanacademy.org/hc/en-us/articles/360030753412-Why-Mastery-Learning-by-Sal-Khan, abgerufen am 21. 6. 2021. Ob es 100% sein müssen, scheint mir diskutierenswert.

Das wirft natürlich die Frage auf: Wie ist das im Unterricht umsetzbar, wie kann ich unterrichten, wenn die alle auf verschiedenem Stand sind? Für Khan überhaupt kein Problem, weil es ja so viele Videos gibt – da brauche ich ja nur noch das zu empfehlen, was der Schülerin in diesem Stadium gerade weiterhilft. Sie befasst sich damit, macht ein paar Aufgaben, die ich ihr dazu gebe, holt sich Hilfe von mir oder Mitschülern und wenn sie meint, dass sie das kann, macht sie den Test dazu. Wenn es noch nicht gereicht hat, sieht sie, wo sie sich verbessern kann, bis sie es hinbekommt.[4]Eingesetzt wird diese Prinzip übrigens auch von Jürgen Handke in einer speziellen Version des Inverted Classroom:Handke, Jürgen (2014): ‚The Inverted Classroom Mastery Model –A Diary … Continue reading

Ein ähnliches Format ist „Master or Die“ von Björn Nölte[5]Nölte, Björn (2019): Master-or-Die, Version 2.0. Formative Assessment in der Praxis.. Bei Master-or-Die entscheiden sich die Lernenden vorher, welche Note sie erreichen wollen und können über längere Zeit (ein Schulhalbjahr) hinweg immer wieder Feedback einholen. Die angestrebte Note muss erreicht, darf aber auch übertroffen werden.

Mein erster Versuch

Für dieses Semester ging es mir auch darum, nicht eine große Prüfung zu haben, sondern den Leistungsnachweis kumulativ erbringen zu lassen. Es gibt mehrere Teilleistungen (4 x je 10 P.) während des Semesters und eine Hausarbeit am Ende, die dann 60 Punkte bringt.
Eine der Leistungen waren also die Satzbäume, und nur bei dieser Leistung bin ich nach dem Prinzip „geschafft oder nicht geschafft“ vorgegangen. Bei den anderen Teilen gibt es dann mehr oder weniger Punkte, je nachdem, wie gut das gelungen ist.

Um ihre 10 Punkte zu bekommen, mussten die Studierenden in der Gruppe einen Satzbaum zeichnen. (Jede Gruppe hatte bis zu 6 Teilnehmende und lief 30 Minuten.) Das hatten sie vorher mit einer Website, auf der man Satzbäume zeichnen kann, schon geübt. Nun gaben sie nacheinander den eigenen Bildschirm frei, zeichneten und erklärten dabei. (Ihren Satz bekamen sie ein paar Minuten vorher, um darüber nachzudenken oder schon das Zeichnen anzufangen, während jemand anders einen anderen Baum vorführte.) Es reichte aus, das Prinzip im wesentlichen begriffen zu haben und weitgehend korrekt anzuwenden. Wenn jemand unsicher war oder sich irrte, habe ich nachgefragt, was meistens dann zu der richtigen Lösung führte. Nur wo zu viele Fehler waren und auf Nachfrage auch nicht wirklich korrigiert werden konnten, habe ich abgebrochen und den nächsten Termin vorgeschlagen.

Meinung der Teilnehmenden

29 Studierende haben an der Umfrage teilgenommen.

Die Aufgabe wurde als eher leicht empfunden, trotzdem waren viele Studierende nervös. Das mag daran gelegen haben, dass sie vor mir und anderen etwas vorführen mussten.

Mir war die Frage wichtig, ob die Wiederholbarkeit den Druck aus der Prüfung nimmt. Bis zu gewissem Grad scheint das der Fall gewesen zu sein:

Und viele hätten dieses Format gerne öfter:

Natürlich gab es auch Gelegenheit zu Freitextantworten. Nur einige Antworten betrafen das Mastery-Format, die anderen eher andere Faktoren. Eine Person schrieb auch, die Wiederholbarkeit gar nicht im Bewusstsein gehabt zu haben.

Als positiv wurde empfunden:

  • Hilfen
  • man bereitet sich gut vor
  • schon im Semester Feedback
  • Vorbereitungszeit
  • kleine Gruppen
  • entspanntes Format
  • Wiederholbarkeit

Störend wurde wahrgenommen:

  • beim Vorbereiten hat man die anderen gehört
  • einige hatten längere Vorbereitungszeit, andere kürzere
  • wenn alle Veranstaltungen kumulativ prüfen erhöht das Arbeitsaufwand für Studis
  • die nächste Gruppe kam schon rein

Ich finde es gut, dass man verglichen mit anderen Formaten nicht so hart für kleine Fehler bestraft wird. Meiner Meinung nach ist es wichtig Fehler zu machen und diese zu fördern, anstatt falsche Perfektion anzustreben.

Anonymes Feedback

Nachtrag

Beim zweiten Termin stellte sich heraus, dass einige es immer noch nicht konnten. Damit hatte ich nicht gerechnet und war überfordert. Konnte ich denen wirklich zumuten, ein weiteres Mal anzutreten? Ich muss gestehen, dass ich Gründe gesucht (und gefunden) habe, sie doch bestehen zu lassen.
Mein Fehler war zu meinen, wer nicht bestanden hatte, würde sich dann selber informieren und fit machen. Aber es hat vermutlich Gründe, warum jemand es beim ersten Mal nicht schafft. Und wenn ich schon behaupte, alle könnten es schaffen, dann ist es wahrscheinlich mein Job als Lernbegleiterin (neues Rollenbild!), zusammen mit einzelnen Studierenden herauszufinden, woran es hakt, und was sie brauchen, um es irgendwann zu schaffen.

Woher die Zeit nehmen? Vielleicht, indem ich die Studierenden an anderen Stellen selbständiger arbeiten lasse und währenddessen Einzelne unterstütze. Wieder mal stellt sich heraus: Prüfungsformate haben großen Einfluss auf das ganze Lerngeschehen.

In einer anderen Veranstaltung war ich dann darauf gefasst und habe gleich beim ersten Nichtbestehen einen Termin mit der Studentin ausgemacht. Wir sind in Ruhe noch einmal die Aufgabe durchgegangen, ich habe ihr Wege aufgezeigt, herauszufinden was sie nicht wusste. Demnächst versucht sie es noch einmal. Und dann bin ich vorbereitet. Zur Not gibt es eine weitere Runde. Bis sie es kann.


References

References
1 Und viele weitere, siehe Institut für zeitgemäße Prüfungskultur
2 Khan, Salman (2013): The One World Schoolhouse.
3 Khan, Salman: „Why Mastery Learning“ https://support.khanacademy.org/hc/en-us/articles/360030753412-Why-Mastery-Learning-by-Sal-Khan, abgerufen am 21. 6. 2021
4 Eingesetzt wird diese Prinzip übrigens auch von Jürgen Handke in einer speziellen Version des Inverted Classroom:
Handke, Jürgen (2014): ‚The Inverted Classroom Mastery Model –A Diary Study‘. In: Eva Marie Großkurth & Jürgen Handke(Hrsg.). The Inverted Classroom Model. Konferenzband zur 3. ICM Fachtagung in Marburg 2013. Berlin: Walter de Gruyter Verlag: 15-35.
5 Nölte, Björn (2019): Master-or-Die, Version 2.0. Formative Assessment in der Praxis.

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