Hybrides Format probieren – ein Praxisbericht (2)

Sommersemester 2021 an der Ruhr-Uni Bochum – eine hybride Japanischstunde mit 10 Teilnehmern im Raum und weiteren online dabei.

In diesem zweiten Teil geht es um die technische und inhaltliche Umsetzung. Davor habe ich über die Motive und die Vorbereitungen geschrieben, im dritten Teil geht es um das Feedback der Studierenden.

INHALT

Die Technik

Die RUB hat seit einiger Zeit mehrere Räume, die mit Hybridtechnik ausgestattet sind: schwenkbare Webcam, Grenzflächenmikrofone und Lautsprecher. Vom installierten Computer lässt sich über kabelgebundenes LAN auf Zoom zugreifen. (Näheres dazu beim 100-Räume-Programm.)

Der Morgen des großen Tages: Corona-Test gemacht, ins Erfassungssystem eingeloggt, Teilnehmerliste gecheckt, Lehrbuch eingesteckt. Eine halbe Stunde vor Beginn war ich im Seminarraum, um die Technik auszuprobieren.

Zunächst die üblichen Rätsel, die sich auch in Präsenz in jedem neuen Raum stellen: Wie geht in diesem Raum der Beamer an, wohin beamt er, wo ist der Lichtschalter für das Dozentenpult, muss ich eine Leinwand herunterfahren etc.
Eine Anleitung für Zoom in hybriden Veranstaltungen lag sogar im Raum. Auf der Website der Uni ist sie auch zu finden.

Ich habe den fest installierten Rechner genutzt, der auch mit Kamera, Mikrofonen und Lautsprecher verbunden ist. Die schwenkbare Kamera habe ich in den Raum gerichtet. Zusätzlich habe ich mich mit meinem Laptop in Zoom eingeloggt.

In einem solchen Setup — zwei Geräte in einem Raum — darf natürlich nur ein Mikro und ein Lautsprecher an sein.

Die Online-Teilnehmer waren über Lautsprecher bestens zu hören
Die Teilnehmenden im Raum haben vielleicht ein bisschen leise gesprochen, aber die Online-Gruppe konnte sie wohl trotzdem einigermaßen verstehen.
Beide Seiten konnten einander sehen, da die Webcam den Raum aufnahm und der Zoom-Bildschirm über Beamer angezeigt wurde.

In der zweiten Gruppe gab es Beschwerden, dass ich über das Raummikro schwer zu hören sei. Das lag wohl nicht nur an der Maske – ganze Sätze seien nicht mehr mitzubekommen. Daraufhin habe ich das Audio des Hauptcomputers ausgeschaltet und das am Laptop eingeschaltet. Daumen hoch von der Online-Gruppe! (Mein Laptop hat ein gutes Mikro. Dass ich auf diese Weise nur über WLAN statt über Kabel verbunden war, schadete der Qualität nicht.) Nachteil nun aber: Wenn Teilnehmende im Raum etwas sagten, konnte die Online-Gruppe es nicht hören, und ich musste wiederholen. So etwas macht die Kommunikation zwischen Seminarraum und Online weniger direkt. Die Beiträge der Online-Gruppe waren über den Lautsprecher meines Laptops auch im Raum zu hören.
Ohne die Grenzflächenmikros im Raum zu arbeiten ist also machbar aber nur eine Notlösung.
Später, nach einer Breakoutphase wieder zum Raummikro gewechselt (dabei aus Unachtsamkeit eine kleine Rückkopplung ausgelöst – autsch!). Ging ganz gut, aber zwischendurch meldeten sich doch zwei über den Chat, dass ein Satz nicht gut zu hören gewesen sei.

Zuhause habe ich seit einiger Zeit neben dem Laptop noch einen großen Bildschirm. Hier im Seminarraum musste ich nun alles am Laptop erledigen, mit überlappenden Fenstern. Auf Dauer würde ich herausfinden wollen, was ich am besten über den eingebauten Computer und was über Laptop mache.

Was wir gemacht haben

Ich unterrichte Grammatik (im Rahmen der Grundstufe Japanisch) als Inverted Classroom. Grammatikerklärungen gibt es vorher als Video, synchron wird dann angewendet: im Plenum Fragen zu den Videos und ein Kahoot, dann Gruppenarbeit (Grammatikübungen, Dialoge lesen) und dann wieder Besprechung im Plenum. Das geht online wie in Präsenz, also standen die Chancen gut, dass es auch hybrid funktionieren könnte.

Zunächst habe ich die Studierenden im Raum gefragt, wie ihr Weg auf den Campus war, und die Online-Gruppe aufgefordert, den anderen Fragen zu stellen. Vielleicht war die Situation ungewohnt und alle erstmal nur gespannt, wie das überhaupt funktioniert, jedenfalls kam es nicht zu einem besonders lebhaften Austausch. Auch bei dem kleinen Sprachspiel, das wir in der ersten Gruppe gemacht haben, war noch nicht allzu viel Schwung im Raum. Das mag ein Spiegel meiner eigenen Anspannung gewesen sein, aber Online-Teilnehmende berichteten auch, dass das Reinspringen mit einer Antwort online eben nicht so schnell geht, wie im Raum. Temporeiche Aktivitäten scheinen also weniger geeignet.

Der nächste Punkt war ein Kahoot. Nicht alle im Raum konnten sich einloggen, weil dazu die Einrichtung von eduroam notwendig gewesen wäre, und das hatten nicht alle vorher gemacht. Ansonsten lief es wie immer.

Bei den anschließenden Fragen kamen Online- und Präsenzgruppe beide zu Wort. Anfangs war es verwirrend, wohin nun die Aufmerksamkeit gehen sollte: Ich saß vorne an meinem Laptop und schaute manchmal die Studierenden im Raum, manchmal die auf Zoom an. Die im Raum sahen ihre Mitstudierenden und mich auf dem Beamer, mich aber schräg darunter noch einmal live. Ich konnte meistens bei beiden Teilgruppen mitbekommen, wer sich meldete, hatte aber immer mal wieder das Gefühl, nur die eine Gruppe anzusprechen und die andere zu vernachlässigen.

Dass das anstrengend ist, hatte ich zwar gelesen aber nicht so recht geglaubt und war nun doch überrascht.

Andererseits fallen mir meine ersten Skype-Gespräche vor über 10 Jahren ein: Damals störte es mich sehr, dass mein Gegenüber mir nicht direkt in die Augen sah – mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Vielleicht wird es beim Hybridformat ähnlich sein. Es wird ein bisschen Übung brauchen. Und auch Erfindungsreichtum, dann lassen sich sicher noch gute Ideen entwickeln, wie beide Gruppen am besten eingebunden werden können.

Zum Beispiel schreibe ich manchmal Aufgaben oder Wörter in den Chat. Das ist im Raum über den Beamer nicht zu lesen, weil zu klein. Also muss ich überlegen, ob ich die noch mal auf andere Weise projizieren kann. Aus der Online-Gruppe kam der Vorschlag, das an die Tafel zu schreiben. Tafel! Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Aber das einfachste wäre wahrscheinlich, das Whiteboard in Zoom zu nutzen.

Ich muss daran denken, wann ich das Raummikro ein- und wann ausschalte. (Z.B. in Stillarbeitsphasen, damit die Gruppe im Raum auch quatschen kann.)

Nebengespräche im Raum, wenn ich gerade etwas erkläre, sind schon in Präsenz störend, hybrid erst recht. Die im Raum Teilnehmenden müssen sich dessen bewusst werden, um sich zu disziplinieren.

Die Maske nervt, behindert natürlich auch das Hörverstehen. (Schulen schlagen sich damit ja schon lange herum.)

Wie schön ist es aber, Menschen im Raum mitzubekommen: Sie interagieren, sie lachen, quatschen. Wenn wir miteinander sprechen, sehen wir einander an – echter Blickkontakt.
Ein Student sagte, im Raum sei es viel einfacher gewesen, mal eine kleine Bemerkung fallen zu lassen. Dazu extra die Hand heben und das Mikro einschalten? Dann hätte er es sich doch eher verkniffen.
Ich bekomme im Raum mit, wie die Gruppen arbeiten. Wie sie Spaß daran haben, mit verteilten Rollen zu lesen. Ich schnappe Probleme auf und kann kurz vorbei gehen und mit einer Gruppe reden, ohne mich extra in den Breakout-Raum zu beamen. Und bekomme mit, wie sie in der Zeit liegen.
Das machte für mich die Breakoutphasen besonders angenehm. Der Lautstärkepegel im Raum war in Ordnung. So hatten wir vor Corona auch gearbeitet. (Da war es einigen manchmal zu laut gewesen – das Problem gibt es natürlich in Breakout-Räumen nicht.) Gruppenarbeit mit 1,5 m Abstand? Ehrlich gesagt waren die Abstände kleiner. Aber es gab ja noch die Masken.

Im Anschluss an die zweite Gruppe haben wir noch eine kleine Campustour gemacht. Aufgekratzte Stimmung, endlich ungesteuertes Kennenlernen in der Gruppe. „Wie heißt du eigentlich?“ „Und was ist dein zweites Fach?“ – wie bei einem ersten Campustag eben, auch wenn er erst am Ende des zweiten Semesters stattfand.

P.S.

Es war auch eine Wiederbegegnung mit dem echten Leben. Viele Aspekte davon hatte ich vergessen. Zum Beispiel, dass es wichtig ist, das richtige Buch und sonst alles notwendige dabei zu haben. Zuhause brauche ich ja nur ins Regal zu greifen. Auch blöd: Regenschirm mitnehmen und abends dann im Büro liegen lassen.

Insgesamt lohnt es sich aber, und ich will uns das nächstes Semester wöchentlich gönnen.

Hier geht es zu Teil 3: Feedback der Studierenden

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